Unter dem staubigen Boden im Kurdistan-Irak schlummert das wohl letzte große Abenteuer der Ölindustrie. Nirgendwo ist der Rohstoff so leicht zugänglich. Die Konzerne stehen bereits Schlange, um den Schatz zu bergen. Doch die Ölvorkommen sind politisch hart umkämpft.
Magne Normann ist aufgeregt. Der geschäftsführende Direktor für den Nahen Osten und Irak beim norwegischen Ölkonzern DNO stakst in einem natürlichen Teerpool herum und lächelt zufrieden. "Hier sprudelt das Öl von selbst bis an die Oberfläche", sagt er begeistert. "Woanders ist das noch keine Erfolgsgarantie. Doch hier im irakischen Kurdistan sind wir bei jedem gebohrten Loch auf Öl gestoßen."
Seit einige Zeit pumpt DNO Öl aus dem kurdischen Tawke-Feld in die irakische Exportpipeline, die zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan führt. Damit sind die Norweger der erste westliche Konzern seit über drei Jahrzehnten, der auf irakischem Territorium Öl fördert.
Weltweit beklagen Konzerne das Ende der Ära des leicht zugänglichen Öls. Im irakischen Teil Kurdistans ist das anders: Bis zu 45 Milliarden Barrel Öl und 1500 Milliarden Kubikmeter Erdgas sollen nach Schätzungen direkt unter der Oberfläche liegen. Ein gigantischer Schatz, bereit, mit minimalem Aufwand gefördert zu werden. Kurdistan - das wohl letzte große Abenteuer der Ölindustrie. Rund 30 ausländische Konzerne tummeln sich bereits in der Region. "Wir leisten hier Pionierarbeit", sagt Normann. Nicht uneigennützig: "Wo noch liegen die Förderkosten bei unter zwei Dollar pro Barrel?"
Hinzu kommt: Kurdistan nimmt eine zunehmend wichtige strategische Stellung für Europa ein. Nun wurde in Ankara feierlich der Vertrag über den Bau der acht Milliarden Euro teuren Nabucco-Gaspipeline unterzeichnet. Sie führt von der Osttürkei in das Herz Europas. Durch den Bau der Pipeline soll die Abhängigkeit von russischem Erdgas reduziert werden - mit kurdischer Hilfe.
Seit Mai 2009 beteiligen sich die österreichischen und ungarischen Ölkonzerne OMV und Mol an der Erschließung der Khor-Mor- und Chamchamal-Gasfelder. Acht Milliarden Dollar wollen die Europäer in das Projekt stecken, und die Gasproduktion auf 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigern. Die Hälfte soll dann über Nabucco nach Europa fließen. Ist Kurdistan einmal an das Gasnetz Europas angeschlossen, dürfte auch der Öltransport später einfacher zu regeln sein.
Kurdistans Regierung setzt sich leidenschaftlich für das Nabucco-Projekt ein. Sie sieht es als eine Garantie für die Stabilität der Region an. Aschti Hawrami, Minister für Bodenschätze, verspricht "jede erdenkliche Unterstützung", damit genug Gas für den Export zur Verfügung steht. Für die Europäer hängt viel von dem kurdischen Gas ab - es kann über Erfolg oder Misserfolg von Nabucco entscheiden. Aserbaidschan verkauft sein Erdgas vollständig an die Türkei, Turkmenistan und Kasachstan haben Lieferverträge mit Russland abgeschlossen, es bleibt nur Kurdistan.