developed by Anwardesgin    druckversion   
Erbil-Hauptstadt > Politik > Konflikt mit Zentralregierung > Konflikt um Stadt Kirkuk

unglöste Prolem

Überhaupt spielt Kirkuk, von den Kurden als "das Herz Kurdistans" verehrt, eine zentrale Rolle für die weitere Entwicklung in Irakisch-Kurdistan. Kirkuk ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Volksgruppen. Neben den Kurden, die bereits jetzt  eine große Mehrheit bilden, leben hier vor allem die großen und kleinen Minderheiten der Turkmenen, der Araber und der christlichen Assyrer. Während die zentralen Positionen in der Stadt inzwischen von Kurden besetzt sind - so ist der Bürgermeister seit Juni 2003 wieder ein Kurde und die Stadtpolizei besteht zu 80 Prozent aus Kurden - nehmen die Spannungen zwischen den Volksgruppen zu, vor allem zwischen Kurden und Turkmenen. Die Turkmenen fühlen sich mittlerweile als Iraker und befürworten einen irakischen Zentralstaat.

 

Während der Konflikt um die Provinz Kirkuk also vorrangig Kurden und arabische Sunniten betrifft, spielt sich der Konflikt um die Stadt Kirkuk vor allen Dingen zwischen Kurden und Turkmenen ab.

Die Turkmenen machen insbesondere eigene Ansprüche auf die Stadt Kirkuk geltend - vielleicht auch in der Hoffnung, sie irgendwann einmal einer noch zu gründenden turkmenischen Region angliedern zu können. Dass dieser Anspruch dem kurdischen Ziel, Kirkuk zur Hauptstadt der kurdischen Region zu machen, im Kern widerspricht, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden. Es zeigt sich hier deutlich, dass es auch bei dem Konflikt um die Stadt Kirkuk letztlich doch wieder um die Provinz Kirkuk geht.

Die Stadt Kirkuk ist sowohl für die Kurden als auch für die Turkmenen von großer Bedeutung. Für die Kurden hat die Stadt einen hohen nationalen Stellenwert. Das zeigt sich auch an dem Ausspruch des Kurdenführers und jetzigen Präsidenten Jalal Talabani, der Kirkuk gar als kurdisches Jerusalem bezeichnete. Die Stadt liegt nicht nur auf dem historischen Siedlungsgebiet der Kurden. Sie war ehemals auch die Hauptstadt des überwiegend kurdisch besiedelten vilayets Sharazur, das in osmanischer Zeit zum vilayet Mosul wurde. Ausgerechnet aus diesem Gebiet wurden die Kurden zu Zehntausenden vertrieben. Dass sie heute Gerechtigkeit fordern und darauf drängen, wieder in den Besitz von Kirkuk zu kommen, ist daher nur allzu verständlich.

Für die Turkmenen hat die Stadt Kirkuk ebenfalls nationale Bedeutung. In dem früheren vilayet Mosul sehen sie anders als die Kurden keine originär kurdische, sondern eher eine türkische oder turkmenische Region. Das vilayet Mosul war nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches tatsächlich lange Zeit zwischen Türken und Briten umstritten. Der Grenzkonflikt ging sogar so weit, dass letztlich der Völkerbund über den Verbleib von Mosul entscheiden musste, wobei die Entscheidung dann zu Gunsten des britisch dominierten Irak fiel. Heute stellen die Turkmenen nur eine Minderheit auf dem Gebiet des ehemaligen vilayets Mosul. Gleiches gilt für die Provinz Kirkuk. Die turkmenischen Forderungen beschränken sich deshalb tatsächlich in erster Linie auf die Stadt Kirkuk. Angesichts ihrer sonstigen Minderheitenposition im Irak kommt der Bewahrung des turkmenischen Charakters der Stadt aber eine ungeheure Bedeutung zu.

Den Streit um die Kontrolle der Stadt versuchen Kurden und Turkmenen für sich zu entscheiden, indem sie verschiedene Bevölkerungsstatistiken in Anschlag bringen, die ihren historischen Anspruch auf die Stadt untermauern sollen. Die Turkmenen machen zum Beispiel geltend, bis in die 70er Jahre hinein eine Mehrheit in der Stadt innegehabt zu haben.

Kein ganz unwichtiges Detail: behaupten die Kurden doch, solange die Mehrheit in der Stadt innegehabt zu haben, bis sie vom irakischen Regime in den 60er Jahren von dort vertrieben wurden.

Die Kurden können dagegen für sich reklamieren, heute die Mehrheit in der Stadt zu stellen. Amerikanischen Schätzungen zufolge verteilte sich die Bevölkerung der Stadt Kirkuk zum Zeitpunkt der "Befreiung" vom Saddam Regime wie folgt: 26% Turkmenen, etwa 35% Kurden, gleich viele Araber und knapp 4% Christen. Dabei dürfte sich der Vorsprung der Kurden gegenüber den Turkmenen seitdem noch vergrößert haben. Zehntausende Kurden sind schließlich in Folge der Anti-Arabisierungsmaßnahmen, die die Kurden seit 2003 betreiben, nach Kirkuk zurückgekehrt.