Die türkisch-kurdischen Beziehungen blicken auf eine schwierige, von Konflikten geprägte Geschichte zurück. Die Beziehung der irakischen Kurden zur Türkei mit ihrem signifikanten kurdischen Bevölkerungsanteil war stets ambivalent. Die Türkei fürchtete, dass jeder Fortschritt der Kurden im Irak Forderungen der Kurden im Inland nach sich ziehen würde. Auf der anderen Seite waren die Kurden als Gesprächspartner zur Bekämpfung der PKK wichtig, da die irakische Regierung keine faktische Macht im Kurdistan-Irak hat.
Gemäß ihrer nationalistischen Politik wurden die Kurden in der Türkei bis in die frühen neunziger Jahren schlicht ignoriert und assimiliert. Das Kurdische Problem wurde stets als Terrorproblem bezeichnet und dementsprechend behandelt. Da aber auch Kurden in anderen Ländern wie dem Irak lebten, dehnten die Türken ihre Politik auch auf diese Länder aus. Mit dem zweiten Golfkrieg und der anschließenden Massenflucht irakischer Kurden an die Grenze, war die Türkei gezwungen diese aufzunehmen. Die damalige Regierung unter Turgut Özal verlieh Barzani und Talabani Diplomatenpässe. Es fanden erste Besuche in Ankara statt.
Der Kurdistan-Irak ist seit dem zweiten Golfkrieg 1991 ein Rückzugsgebiet der PKK. Die Türkei besteht seit Jahren darauf, dass die Verantwortlichen vor Ort die PKK bekämpfen sollen. Die kurdische Regierung kamen dem nicht nach. Nach dem das türkische Parlament in einer Resolution im Oktober 2007 dem Militär freie Hand gab, wurden PKK-Stellungen im Dezember 2007 mehrmals mit Flugzeugen und Kanonen bombardiert. Dieser Konflikt schadet den Beziehungen zwischen der Türkei und der Regionalregierung und könnte unter Umständen eskalieren.
Heute bewegen sich Irak-Kurdistan und die Türkei wieder zueinander. "In gewisser Weise sind wir in der Türkei alle auch Kurden!" Das sagt ein Mann, der früher der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) angehörte, die noch vor fünf Jahren Kurden als "Bergtürken" bezeichnete und Kurdisch nicht als eigenständige Sprache ansah.
Dieser Mann heißt Mümtaz'er Türköne und äußert sich in Erbil, der Hauptstadt Irakisch-Kurdistans, dessen Grenzland die türkische Armee auf der Jagd nach der PKK noch vor wenigen Monaten unablässig bombardierte.
Er spricht vor kurdischen Politikern, Mullahs und Akademikern, und vor der Tür steht die schwer bewaffnete kurdische Miliz, die "Peschmerga", die ihn vor Anschlägen schützen .
Türköne ist Professor für Politologie der Universität Gazi in Ankara. Er ist Mitinitiator einer zivilgesellschaftlichen Plattform, die sich seit nunmehr 18 Jahren der Überwindung religiöser und politischer Grenzen in der Türkei verschrieben hat.
Mit etwa hundert Teilnehmern, Schriftstellern, Journalisten und Politikern, ist die "Plattform Abant" aus Istanbul für drei Tage in Erbil vertreten.
"Wir arbeiten heute daran, dass unser Staat sich ändert", sagt Mümtaz'er Türköne in Erbil, "und dafür brauchen wir auch ihre Unterstützung". Um die türkisch-kurdische Annäherung zu unterstützen, hat auch Masud Barsani, Staatspräsident von Kurdistan, die PKK zur Einstellung ihrer Anschläge aufgefordert.
Die türkisch-kurdische Kooperation liegt auch im amerikanischen Interesse.
Der Einfluss des Gülen-Netzwerks
Im Hintergrund dieses Treffens agiert noch ein weiterer Akteur: Fethullah Gülen. In den 1990er Jahren hofierten türkische Regierungen den populären und umstrittenen Prediger Gülen als Gegenkraft zum parteipolitischen Islam.
Mit Unterstützung des türkischen Staates legte Gülen damals den Grundstein für über 150 Auslandsschulen, die sich mittlerweile von den Turkrepubliken bis zum Balkan und von Afrika bis nach Zentraleuropa ziehen.
Im Kurdistan-Irak und in den kurdischen Gebieten der Türkei ist das Netzwerk von Fethullah Gülen, der selbst seit 1999 in den Vereinigten Staaten in einer Art politischem Exil lebt, erst seit einigen Jahren aktiv.
In Irakisch-Kurdistan betreibt das Netzwerk heute 15 Schulen, zwei Krankenhäuser und seit kurzem auch eine Universität.
In der Türkei bilden die so genannten Fethullahtschis heute unter den Kurden die stärkste Gegenkraft zur prokurdischen Partei DTP, die der PKK nahe steht. Auf der Versammlung in Erbil wurde die Grußbotschaft von Fethullah Gülen artig beklatscht, und der Kulturminister Falakaddin Kakeyi lobte das Engagement seines Netzwerks. Ansonsten aber wollten die irakischen Kurden von einem Islam in der Politik nichts wissen.
In der Region sind mehr als 200 türkische Unternehmen tätig. Der Handel mit der Türkei belief sich 2006 auf mehr als 2 Milliarden US-Dollar. Das gegenwärtige Handelsvolumen mit der Türkei inklusive Ölverträge, Bauaufträgen beläuft sich zu Zeit auf 5 Milliarden US-Dollar. Und das trotz der unklaren politischen Beziehung zwischen Ankara und Arbil. Ab Mitte 2007 nahm die Dominanz türkischer Produkte wie Lebensmittel usw. ab. Man findet jetzt vermehrt Waren aus Syrien, Jordanien und Europa.